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Husumer Nachrichten am 16.02.2013
Mediziner eröffnen in Husum eine "Praxis ohne Grenzen" mit kostenloser Behandlung für mittellose Freiberufler.
Husum. Bis vor einigen Jahren ging es Dieter B. (Name von der Redaktion geändert) noch gut. Nachdem er lange Zeit eine feste Anstellung hatte, arbeitete der gelernte Grafiker zuletzt freiberuflich für ein Touristik-Unternehmen. Mit der Kündigung kam der Absturz. Seine Krankenversicherungsbeiträge konnte er nur noch aus den Rücklagen bezahlen. Doch als immer weniger Aufträge reinkamen, funktionierte auch das nicht mehr. Und vor vier Jahren fiel der 58-Jährige dann ganz aus der Krankenversicherung heraus.Dieter B. ist kein Einzelfall. Nach Erhebungen des Statistischen Bundesamtes geht es in Deutschland rund 155.000 Menschen wie ihn. "Die Dunkelziffer dürfte noch höher sein", sagt Dr. med. Seebrandt Rießen, pensionierter Internist aus Husum. Zwar können Patienten nach einem Gesetz, das 2009 in Kraft trat, nicht mehr ohne Weiteres aus der privaten Krankenversicherung herausgeworfen werden. Allerdings können Menschen, denen das Geld fehlt, um in die Versicherung zurückzukehren, nicht mehr sämtliche Leistungen in Anspruch nehmen. "Und das hat Folgen", sagt Rießen. Oft gingen die Betroffenen nur noch im äußersten Notfall zum Arzt. Da möchte er ansetzen.
Großes Hilfs-Netzwerk Gleichwohl will der 76-Jährige, der seine Praxis vor eineinhalb Jahren geschlossen hat und "nun lange genug pensioniert war", das Rad nicht neu erfinden. Vielmehr baut er auf das Modell seines Kollegen Dr. Uwe Denker, der vor drei Jahren in Bad Segeberg die erste "Praxis ohne Grenzen" einrichtete. Darin werden Menschen wie Dieter B. auf ehrenamtlicher Basis behandelt. Ehrenamtlich arbeitet auch Dr. Manfred Fuhst. Jeden Donnerstag kümmert sich Rießens Kollege in der Husumer Bahnhofsmission um Personen, die in Not geraten sind. Das persönliche Gespräch ist dem 68-Jährigen dabei genauso wichtig wie die medizinische Versorgung. Mit seinem beispielhaften Projekt kam Fuhst ins Finale der Aktion "Mensch des Jahres" - eine Initiative des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages. "Mit Herrn Fuhst werden wir in den unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern eng zusammenarbeiten", sagt Rießen. "Außerdem finden sich beide Einrichtungen unter demselben Dach wieder", erklärt Dieter Pelties vom Diakonischen Werk. "Darüber sind wir sehr froh."
Froh ist auch Dr. Rießen. In Mogens Klatt fanden er und seine Mitstreiter, die Doktoren Wiebke Stybalkowski, Wolfgang Kölbel, Hans-Peter Bange, Michael Manevall, Bernd Räth und Gerhard Steinort - allesamt Allgemeinärzte oder Internisten - einen Apotheker, der ihnen zur Seite stehen will. Und als sei das noch nicht genug, stellte ihnen Klatt über der Einhorn-Apotheke zwei Praxisräume zur Verfügung. Auch medizinisches Gerät wurde gespendet, und "mit der Diakonie haben wir einen Partner, der weitere Beratungs- und Betreuungsangebote wie die Schuldnerberatung vorhält", so Rießen. "Das Ziel muss ja sein, die Betroffenen rasch wieder ins Versicherungssystem zurückzubekommen."
Überhaupt sind die Sieben nur "Frontfrauen und -männer" eines ehrenamtlichen Teams, zu dem neben Arzthelferinnen auch niedergelassene Ärzte zählen. Als Anschub-Finanzierung unterstützt die Kulturstiftung der Husumer Volksbank das ehrenamtliche Projekt mit 3000 Euro. Um mittellose Patienten auch in Zukunft mit Medikamenten, Hilfsmitteln, speziellen Untersuchungen und Behandlungen unterstützen zu können, ist die "Praxis ohne Grenzen" auf Spenden angewiesen.
Spendenkonto Das Diakonische Werk hat bei der EDG Kiel ein Konto eingerichtet (Nr. 84999, BLZ 21060237, Kennwort: Praxis ohne Grenzen). Und am Freitag, 8. März, 19.30 Uhr gibt es im Nordsee-Congress-Centrum Husum ein Benefiz-Konzert für die "Praxis", die danach einmal wöchentlich mittwochs von 16 bis 18 Uhr geöffnet sein soll.
Benefiz-Konzert Fünf Bands spielen beim Benefiz-Konzert für die "Praxis ohne Grenzen". Neben Godewind und der Dragseth Folkband sind De Inspringer, das Jugendblasorchester Rödemis, und die Römser Musikanten dabei. Durch den Abend führt Willi Neu. Karten gibt es von Montag (18.) an im Kunden-Center der Husumer Nachrichten, Telefon 04841/89650. |